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Interview

 

computerspielsammlung

„Viele Philosophen und Theoretiker sagen, dass Spielen eines der ältesten Kulturmerkmale der Menschheit schlechthin ist. Dass wir nun mit dem omnipräsenten Alltagsgegenstand Computer spielen, ist nicht nur sehr wichtig sondern auch vollkommen normal.“  (Michael Liebe, digarec)


Schräg gegenüber von Sanssouci und den stattlichen Bauten der Universität Potsdam:
Ein kleiner, mausgrauer Baucontainer, der sich zudem – wie aus Scham – hinter wild wachsender Botanik versteckt. Kein Tourist der sich hierher verirrt.
Dass dieser unscheinbare Flachbau modernste Forschung beherbergen soll, ist kaum vorstellbar. Aber das Schild am Eingang verjagt jeden Zweifel: Hier befindet sich das Zentrum für Computerspielforschung der Universität Potsdam, oder in Fachsprache „Digital Games Research Center“, woraus sich auch der Name „digarec“ ableitet.
In diesem deutschlandweit einzigartigen Knotenpunkt aus Medienwissenschaft, Medienrecht, Design, Informatik und Pädagogik/ Psychologie, der gleichzeitig Teil eines internationalen Netzwerks aus verschiedenen Forschungseinrichtungen ist, sitzen wir etwas beengt auf Bürostühlen und Rollcontainern und inmitten riesiger Kistentürme. Denn hier, so erfahren wir gleich, wird nicht nur geforscht, sondern vor allem auch gesammelt. Aktuell über 5000 Computerspiele befinden sich im Besitz des digarec und durch Unterstützung verschiedener Spieleverleger (im durchweg englischen Fachjargon liebevoll „publisher“ genannt) werden es täglich mehr. Obwohl ja eigentlich alles nur als studentisches Hilfsprojekt begann und erst durch die 2000-Spieletitel-Spende eines Hamburger Journalisten richtig ins Rollen kam.
Da hocken wir also im sprichwörtlich kreativen Chaos und bekommen unsere nun vollends wirren Köpfe von zwei sympathischen jungen Herren, dem Leiter Michael Liebe und dem Projektassistent Sebastian Möring, zumindest schon einmal vorsortiert:
Dass die Einrichtung schon seit 2007 besteht, damals aber noch Netzwerk hieß, und dass es seit 2008 nun doch offizielles Forschungszentrum der Universität Potsdam ist (sehr wichtig wegen den finanziellen Zuwendungen). Dass seitdem Heerscharen von Studenten Leib und Leben investieren, um bspw. Mediengewalt und Langzeitwirkungen zu untersuchen oder wii-Spiele in Altersheimen populär zu machen. Und dass Counterstrike mehr mit Fussball gemein hat als man zuerst annimmt.
Im Wellblechcontainer ist alles denkbar.

Michael Liebe hat viel zu erzählen, über den Einfluss von Computerspielen auf die Gesellschaft zum Beispiel. Und über das Finden neuer Kategorien zur Erschliessung und Katalogisierung der Medienflut, die das kleine Büro schon ganz einnimmt. Über sogenannte „Indie-Games“, unabhängig von den großen „publishern“ veröffentlichte Spiele, die versuchen, die starren bestehenden Genres aufzubrechen und ganz neue Arten von Spielerlebnissen zu schaffen. Über das Computerspielemuseum in Berlin/Friedrichshain, das erste offiziell staatlich anerkannte auf der ganzen Welt. (Gehegt und gepflegt vom einzigen „Gamer-Bibliothekar“ Andreas Lange stapeln sich dort auch alte Konsolen und diverse Hardware, die von unseren engagierten „digarecs“ auch gerne mal zu Forschungszwecken entliehen wird.)
Man merkt ihnen an, dass hier ihr Leben spielt. Ob sie denn nicht den ganzen Tag versucht seien, die Jalousien herunterzulassen und nur zu zocken, fragen wir sie. Und obwohl dies ja durchaus als „Forschung am Gegenstand“ an der Tagesordnung sei, wie Michaels Kollege Sebastian Möring lachend einwirft, lautet die Antwort „nein“ . Da gäbe es passendere, gemütlichere Orte als diesen hier. Wir verstehen schon.

 

kisten

Zum Weiterlesen:
-DIGAREC Series (Publikationsreihe im Universitätsverlag Potsdam)
„Conference Proceedings of the Philosophy of Computer Games 2008“ (ed.by Stephan Günzel, Michael Liebe and Dieter Mersch, with the editorial coorperation of Sebastias Möhring. Potsdam University Press, 2008)

Partnerevents:
– A Maze. Festival zur Konvergenz von Computerspiel und Kunst
– Wissenschaftsforum der Deutschen Gamestage/ Quo Vadis

www.digarec.org
www.computerspielemuseum.de/